Wilder Wald. Foto: David Lohmueller

Was macht der Wald, wenn er darf, wie er will?

Eine der wichtigsten Forschungs-Aufgaben im Nationalpark ist es, genau zu beobachten, wie sich die Wälder und ihre Lebensräume verändern. Schneebruch und Stürme, trockene Perioden und Insekten tragen dazu bei, dass die ehemals bewirtschafteten Waldflächen nach und nach ihr Gesicht deutlich verändern. Die Forscher sprechen hier vom sogenannten Mosaik-Zyklus. Das Mosaik unterschiedlichster Waldstrukturen - von Totholz bis zu jungen, wildwachsenden Bäumen - bildet die Lebensgrundlage für eine besonders große Vielfalt unterschiedlicher Tier-, Pilz- und Pflanzenarten.
Die Veränderungen werden dabei vom großen Ganzen bis ins kleinste Detail beobachtet. Um zu dokumentieren, wie sich die Landschaft verändert, wo der Wald dichter und wo lichter wird, lässt der Nationalpark beispielsweise regelmäßig Luftbilder machen. In Kooperation mit dem Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung, der Forstlichen Versuchsanstalt Freiburg und der Universität Freiburg, Abteilung für Fernerkundung und Landschaftsinformationssysteme werden die Daten ausgewertet.
Die kleinen Details nehmen die Forscherinnen und Forscher auf ausgesuchten Probeflächen in den Blick, manchmal auch unters Mikroskop. Sie beobachten beispielsweise, ob, wo und welche Pflanzen und Pilze sich ausbreiten, welche neu dazukommen. In der Fachsprache heißt das Vegetations-Monitoring. Mehrere Forschungseinrichtungen (Universitäten Freiburg, Hohenheim, Karlsruhe, FVA Freiburg, Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg) untersuchen bereits an ganz unterschiedlichen Stellen und in vielen einzelnen Projekten, wie sich der Wald im Nationalpark entwickelt.
Von den Erkenntnissen, die sie gewinnen, können Naturschutz und Forstwirtschaft auch jenseits der Nationalparkgrenzen profitieren. Und sie fließen zurück in die praktische Arbeit des Nationalparkteams - beim Artenschutz oder bei Führungen.

Raum für seltene und bedrohte Arten

Raufußkauz im Nationalpark. Foto: Walter Finkbeiner/Nationalpark

In den Wäldern des Nationalparks leben seltene und bedrohte Arten, die nur in einem Wald überleben können, der schon ein bisschen wilder ist und dadurch ganz unterschiedlich aussieht, mit jungen und sehr alten Bäumen, totem Holz, Baumhöhlen und großen Wurzeltellern. Auf diese gefährdeten Arten - wie zum Beispiel den seltenen Dreizehenspecht oder nachtaktive Eulen wie Raufuß- und Sperlingskauz - achtet der Nationalpark mit seinen Forschungs-Programmen ganz besonders. Die Lebensräume dieser Tiere werden ganz genau untersucht und es wird überprüft, ob sie sich im Nationalpark vielleicht sogar vermehren. Auch Insekten und Spinnen haben die Wissenschaft-Teams im Blick - sie sind häufig auch ein Zeichen dafür, dass der Wald sich schon natürlich entwickelt. In den schon jetzt relativ alten Wäldern wie am Hohen Ochsenkopf und am Wilden See werden in einem Projekt beispielsweise die Käfer erforscht, die speziell auf totem Holz wohnen. So lässt sich untersuchen, wie sich die Artenvielfalt entwickelt, wenn der Wald wilder wird. Auch seltene Pflanzenarten, insbesondere Moose und Farne, sind Teil der Forschung im Nationalpark.

Schutz für die gefährdeten Auerhühner

Auerhahn bei der Balz (Foto: Walter Finkbeiner/ Nationalpark)

Das Auerhuhn hat im Nordschwarzwald einen besonders hohen kulturhistorischen Stellenwert - es findet sich beispielsweise im Wappen des Landkreises Freudenstadt wieder. Leider ist die Zahl dieser imposanten Großvögel in den letzten Jahrzehnten überall stark zurückgegangen. Im Nationalpark gibt es einen der größten Bestände des Auerhuhns im Schwarzwald. Die Forscher beobachten genau, wie sich dieser weiterentwickelt, zum Beispiel ob Hennen ausreichend Küken aufziehen, damit die Auerhühner hier langfristig überleben können. Ihre Lebensräume im Nationalpark genau zu untersuchen, ist auch wichtig, um sie in einigen Bereichen schützen zu können. Das Auerhuhn ist beispielsweise auf eine ganze besondere Waldstruktur angewiesen: Mit lichten Stellen, damit der große Vogel auch fliegen kann, dichtes Unterholz in der Nähe zum Verstecken und für die Aufzucht der Brut und kahle hohe Bäume, die in der Nacht Schutz vor Feinden wie dem Marder bieten. Ein Katalog mit vielen Maßnahmen, die zum Überleben der Auerhühner im Schwarzwald beitragen sollen, findet sich im sogenannten „Aktionsplan Auerhuhn“.

Weitere Infos zum Aktionsplan Auerhuhn

Paradies für Pilze: Forschung im Bannwald Wilder See

Die Zitronengelbe Tramete ist ein echter Urwaldpilz. Der bayerische Forscher Josef Christan entdeckte sie im Herbst 2014 im Bannwald Wilder See. Foto: Josef Christan

Im ältesten Wald des Nationalparks am Wilden See ist die Natur schon seit 100 Jahren sich selbst überlassen - was dieses Gebiet für die Wissenschaft besonders interessant macht. Im Rahmen eines Kooperationsprojektes untersuchen Pilz-Expertinnen und -Experten aus ganz Deutschland bereits seit einigen Monaten, welche Pilz- und Flechtenarten sich in diesem schon etwas wilderen Teil des Schwarzwalds finden lassen. Partner in dem Projekt sind die Arbeitsgruppe Pilze im Naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe, das Staatliche Museum für Naturkunde Karlsruhe, die Universität Greifswald und das Regierungspräsidium Karlsruhe. Die gefundenen Arten werden im Pilzherbarium des Staatlichen Museums für Naturkunde Karlsruhe gesammelt und für weitere Forschungsprojekte bereitgestellt. Höhepunkt der Untersuchungen war bisher die Entdeckung eines echten Urwaldpilzes, der Zitronengelben Tramete. Der bayerische Pilzforscher Josef Christan fand sie im Herbst vergangenen Jahres im Wald am Wilden See.

Weitere Infos zum Pilzprojekt


Pressemitteilung zum Fund der Zitronengelben Tramete

Verändert der Wald auch das Wasser? Untersuchung am Huzenbacher See

Huzenbacher See. Foto: David Lohmueller

Eine wichtige Aufgabe des Forscher-Teams im Nationalpark ist es auch, zu verfolgen, wie sich Klima und Böden verändern. Ein Projekt aus diesem Bereich gibt es am Huzenbacher See - in der Fachsprache heißt es: Hydrologisches Langzeitmonitoring. Das bedeutet, dass die Forscherinnen und Forscher herausfinden möchten, wie sich das Seewasser im Laufe der Jahre verändert: Nimmt der Wasserstand zu oder ab, wird das Wasser salziger oder saurer, kühler oder wärmer? Die Messstation, die auf alle diese Fragen Antwort geben soll, wurde bereits 1989 vom Limnologischen Büro Höhn aus Freiburg eingerichtet und vor kurzem vom Nationalpark erneuert. Die Auswertung aller Wasserdaten kann auch helfen herauszufinden, wie sich Veränderungen von Wald und Klima auf das Wasser auswirken und was das wiederum für Pflanzen und Pilze in diesem Bereich des Nationalparks bedeutet.

Gemeinsam mit Schafen und Rindern: Pflege der Bergheiden

Grindenlandschaft (Foto: Marc Förschler/Nationalpark)

Im Großteil des Nationalparks soll die Natur ja langfristig ganz sich selbst überlassen sein, ohne dass der Mensch eingreift. Einige Bereiche, vor allem am Rand des Nationalparks, sind davon allerdings ausgenommen. Hierzu zählen auch die Hochweiden, die Grinden, die jahrhundertelang mit Rindern und Ziegen beweidet wurden. So hat sich hier eine offene Heidelandschaft entwickelt, an die sich wiederum bestimmte Arten, wie Alpine Gebirgsschrecke, Kreuzotter oder Wiesenpieper, angepasst haben. Würde der Mensch diese Flächen nicht weiter pflegen, ginge auch dieser besondere Lebensraum für die Tiere verloren. Der Nationalpark hat es sich deshalb zum Ziel gemacht, die Grinden entlang der Schwarzwaldhochstraße langfristig zu erhalten. Sie werden weiter mit Rindern und Schafen beweidet; hin und wieder müssen auch Bäume gefällt werden, damit die Heiden nicht zuwachsen. Natürlich ist dieser besondere Lebensraum auch für die Wissenschaft interessant - so gibt es am Karlsruher Institut für Technologie beispielsweise gerade ein Masterprojekt zur Pflege der Grinden.